Le dernier article

5 September 2010

Ich hoffe, aus meinen bisherigen Blog-Einträgen ist hervorgegangen, wie sehr ich meine beiden Wochen in Paris genossen habe. Das betrifft natürlich in erster Linie das Leben in der Stadt selbst und das individuelle Nachmittags- und Abendprogramm, das es bis gestern um Mitternacht auszukosten galt. Andererseits aber gefiel mir auch der kompetente Unterricht in der zentral gelegenen Sprachschule Accord, die ich an dieser Stelle ehrlich weiterempfehlen kann. Zukünftigen SchülerInnen möchte ich unbedingt raten, mindestens einen zweiwöchigen Aufenthalt zu planen. Alles darunter ist entschieden zu kurz, sowohl was die Schule, als auch was die Stadt angeht.

Auch 14 Tage sind natürlich viel zu wenig, um Paris richtig kennenzulernen und in all ihren Facetten zu erfassen. Zwei Wochen sind höchstens genug, um ein paar Eindrücke zu gewinnen und an der Oberfläche zu kratzen. Zum Abschluss meines Blogs will ich nachfolgend versuchen, ein paar meiner Impressionen wiederzugeben:

Paris, das ist eine Stadt voller Leben: In den Strassen und den Parks, in den Cafés und den Museen, im Stadtkern und in den Aussenbezirken, am Tag und in der Nacht: La vie ne s‘arrêt jamais.

Paris, das ist die Metropole der Kunst und Kultur: Kaum in einer anderen Stadt sind die Werke der Meister aller Kunstsparten so stark verankert und präsent, kaum anderswo meint man, von ihrem Nachleben so viel zu spüren.

Paris, das ist die Nähe von Klischee und Wahrheit: Etwa wenn sich zwei älteren Herren, beide mit Baguette unter dem Arm, Beret auf dem Kopf und Zigarettenstummel in der Hand, beim zufälligen Zusammentreffen auf der Quartierstrasse mit Wangenküssen begrüssen.

Paris, das ist die Stadt der Strassenmusik: Der Akkordeonspieler am Seine-Ufer, die Harfenvirtuosin bei Sacré Coeur, die Gitarristen und Sängerinnen in der Metro bilden die verschiedenartige und doch unverwechselbare Pariser Klangkulisse.

Paris, das sind freundliche Restaurantkellner und nette Bardamen. (Doch, das stimmt wirklich!)

Paris, das ist die capitale der SDF (sans domicile fixe): Die Bettlerin in der Metro, der Obdachlose auf der Parkbank oder der Chomeur, der an einem vielfrequentierten Boulevard mitten auf dem Trottoir liegt, gehören so fix zum Stadtbild wie der Eiffelturm.

Paris, das ist durchschnittliches Essen zu überdurchschnittlichen Preisen – Ausnahmen bilden nur Tipps von Einheimischen!

Paris Ende August, das ist das wechselhafteste Wetter, das man sich vorstellen kann!

Soviel zu meinen persönlichen Eindrücken. Ergänzungen und eigene (natürlich auch konträre) Erfahrungen dürfen gerne in den Kommetaren gepostet werden!

Weit eleganter und kenntnisreicher als ich charakterisiert der Lyriker Gaston-Henry Aufrère die Stadt in einem Gedicht mit dem schlichten Titel “Paris” (1976). Mit diesen Zeilen möchte ich meinen Blog abschliessen.
Herzlichen Dank an alle LeserInnen für’s Dabeisein, für die Geduld und für das Feedback via Kommentare oder Mail!

Ville-cathédrale
ville-accordéon
ville-capitale
et ville-néon

Paris
Barque et poésie
coeur un pur flambeau
encyclopédie
des grands idéaux

Paris
Eternel symbole
jamais contesté
phare bible et pôle
de la liberté

Paris
Avec toi le monde
attend et sourit
avec toi le monde
espère et frémit
Paris

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Le dernier jour

4 September 2010

Da das Wetter heute schön ist, beschliessen Magdalena und ich, den Cimetière Père Lachaise zu besuchen. Angenehmerweise ist der Ort trotz Wochenende und Sonnenschein nicht überlaufen – natürlich verteilen sich die Besucher auf dem grössten Pariser Friedhof (rund 70′000 Gräber) auch gut. Wir besichtigen unter anderem die Ruhestätten von Edith Piaf, Oscar Wilde, Balzac, Guillaume Apollinaire, und, selbstverständlich, Jim Morrison.

Während die Gräber von Edith Piaf und dem erst vor zwei Jahren verstorbenen Sänger Henri Salvador ziemlich schlicht gehalten sind, sticht das Grabmal für Oscar Wilde wenige Divisonen dahinter schon von Weitem ins Auge. Das steinerne Monument des amerikanischen Bildhauers Jacob Epstein, eine steife, geflügelte Sphinx, will für mein Empfinden nicht so recht zum Grössten aller Dandies passen. (Vielleicht liegt dies auch daran, dass ich Wilde stets mit Aubrey Beardsles Jugendstil-Bildern assoziiere.) Ein wahrhaftes ästhetisches Verbrechen sind jedenfalls die hunderten roten Kussmünder und “Grussbotschaften” aus aller Welt, die den Stein an allen Stellen zieren. Sätze wie “Dorian Grey [sic] made me love literature, TNX for that!” hat dieser Mann wirklich nicht verdient.

Die Gräber von Guillaume Apollinaire, Honoré de Balzac und Georges Seurat lassen sich alle leicht oder nach kurzer Suche finden; nur nach dem Grab von Marcel Proust halten wir vergeblich Ausschau. (Am Abend höre ich von meiner Gastfamilie, dass Prousts Grabstein stark verwittert sei, dass wir also vermutlich daran vorbeigekommen seien, ohne es zu merken.)

Unsere Tour endet beim Grab von Jim Morrison in der 6. Division. Besonders in den 90er Jahren zum “modernen Wallfahrtsziel” avanciert, ist diese Ruhestätte offiziellen Angaben zufolge mit ca. 1.5 Millionen Besuchern pro Jahr eine der populärsten Pariser Touristenattraktionen. Aufgrund dieser Beliebtheit, aber auch infolge von Diebstählen und Sachbeschädigungen in der Vergangenheit, ist das Grab seit einigen Jahren von einem eisernen Zaun umgeben. Eine Gruppe Amerikaner steht mit gezückten Kameras am Gitter, schiesst Fotos und beschwert sich über die schlechte Sicht auf das Grab. Irgendwie will hier keine Wallfahrtsstimmung aufkommen.

Vom Friedhof aus begeben wir uns mit der Metro zum Parc des Buttes-Chaumont, wo wir mit Ainhoa verabredet sind. Kurz darauf trifft Marnick (Belgien) hinzu. Inmitten kleiner Gruppen von Parisern sitzen wir im trockenen Gras, geniessen ein kleines Zvieri und die letzten Sonnenstrahlen. Nach dem Abendessen sehen wir uns in einem Kino nahe Montmartre Bertrand Bliers neuen Film “Le Bruit des glaçons” an. Erst verwirrt mich die bizarre Story des Streifens, die auch für Muttersprachler nicht immer nachvollziehbar sein dürfte, doch am Ende überzeugen mich die raffinierte Wendung und die perfekte Ästhetik des Films. So geht mein letzter Abend in Paris gelungen zu Ende.

    L’école est finie

    3 September 2010

    Kaum zu glauben, dass heute Vormittag meine letzten Schulstunden in Paris zu Ende gingen. Obwohl die letzten Tage bzw. Abende immer länger und die Nächte immer kürzer wurden, ist die Zeit hier wie im Flug vergangen.

    Nachdem wir letzte Woche von unserer Lehrerin Julie Abschied nehmen mussten, hatten wir diese Woche Unterricht bei Eric. (Weshalb unsere Klasse dabei aufgeteilt wurde, war nicht ganz einzusehen, aber ich lernte neue, sympathische Leute kennen; allen voran Magdalena, Romanistikstudentin aus Wien, und Ricardo, Arzt aus Brasilien.) Anders als Julie legte Eric mehr Wert auf Grammatik, Vokabular und klassischen Frontalunterricht. Um eine Sprache richtig sprechen zu lernen, müsse man nun einmal die Grundlagen kennen, legte er uns dar. Obwohl uns die Repetition der Subjonctif-Auslöser, der Regeln zur Umformung der direkten in die indirekte Rede und dergleichen sicherlich gut tat, mangelte es den Lektionen ein wenig an Dynamik und Interaktivität. Der Theater-Workshop mit Lehrer Emanuel am Mittwochmorgen stellte daher ein angenehmes Kontrastprogramm dar. Die kurzen Improvisationen und Sketche in wechselnden Zweiergruppen machten nicht nur Spass beim Spielen und Zuschauen, sondern lösten lebhafte Diskussionen aus und förderten hier und da echtes schauspielerische Talent zutage (die Darbietung von Federico und Svetlana war bühnenreif!).
    Die Bearbeitung und Besprechung zweier Texte zu aktuellen Themen – zunehmende Videoüberwachung in Grossstädten und die Gefahren hinter Facebook – liessen auch den heutigen Morgen bei Eric spannend verlaufen und zu einem gelungenen Abschluss finden.

    Nach einem Besuch im Museum Guimet (Musée national des Arts asiatiques) gestern Nachmittag, das laut Michelin-Führer die weltweit grösste Sammlung asiatischer Kunst besitzt (jede/r BesucherIn wird es glauben!), war abends wiederum ein Picknick auf dem Champ de Mars angesagt. Diesmal fanden sich jedoch nicht nur ein paar, sondern rund dreissig Accord-Schüler zu Sandwiches, Chips, Champagner und Wein im Park zusammen. Auf Franzözisch, Spanisch, Englisch und Deutsch diskutierte und lachte man im Licht des Eiffelturms bis nach Mitternacht – bis es hiess, die letzte Metro zu erwischen.

    http://www.dailymotion.com/videox5c74e

      Live aus dem MacDo…

      1 September 2010

      Die Auflage, spätestens alle 48 Stunden einen Blogpost zu veröffentlichen, steht leider im krassen Widerspruch zu den verfügbaren und v. a. funktionierenden Pariser Wifi-Einrichtungen. Aus dieser Not heraus berichte ich hier live aus einem Schandfleck der Pariser Restaurant-Landschaft: dem McDonalds bei der Metrostation Ledru Rollin. Eben komme ich aus dem Théâtre de la main d’or, wo ich mir mit der Tochter meiner Gastfamilie und ihrer copine Olivier Girauds vergnügliche One Man-Show “How to become Parisian in one Hour?” angesehen habe.

      Was ist sonst noch passiert seit meinem letzten Eintrag? Gestern Nachmittag war ich endlich im Musée d’Orsay. Viele interessante Bilder, leider noch viel mehr Touristen. (Ausführlicheres dazu in Bälde.) Abends picnickte ich mit Karen (Brasilien), Enzo und Marie Elisa (beide Venezuela), Dan (Wales) und Marlene im Parc Champs du Mars. Ein schöner, warmer Abend, es wurde spät.
      Heute wollte ich eigentlich das Petit Palais besuchen, wurde aber von Markus, Sophie (Deutschland) und Tamara (Zürich) zu Glacé-Schmaus und Herumlümmeln im Jardin du Luxembourg überredet, wo sich auch Cristina, Ione und Ainhoa (alle drei Spanien) zu uns gesellten…

      Im nächsten Post werde ich diese Erlebnisse etwas ausführlicher beschreiben und, hoffentlich, mit Fotos unterlegen können… Stay tuned!

        Rückblick / Nachtrag

        30 August 2010

        Nach einer Woche Aufenthalt fühle ich mich bereits ziemlich heimisch in Paris. Das liegt einerseits an meiner freundlichen Gastfamilie, die mich bestens umsorgt und mir zugleich alle Freiheiten lässt, andererseits an den vielen netten Menschen, die ich hier an der Schule kennengelernt habe bzw. täglich kennenlerne. Egal woher man kommt, wie alt man ist und welche Muttersprache man spricht: man unterhält und versteht sich. Öfter als ich gedacht hätte – nämlich auch in der Freizeit – en français.

        Untenstehend folgen, wie ich versprochen habe, die Fotos unseres Versailles-Trips (© Caroline Tiefenthaler) und drei unserer selbst verfassten französischen “Slams” in der façon von Grand Corps Malade.

        Hier soir à minuit je suis allée à la fenêtre,
        J’ai vu qu’au dessous il y avait une petite fête,
        J’était un peu triste, je ne sais pas pourquoi,
        Peut-être parce que deux jours avant j’avais perdu l’espoir

        (Chiara, Rom)

        J’ai rencontré le besoin, c’est un mec superchelou
        Il m’a dit “Mon gars écoute! C’est ma vie qui est au bout
        Mais si tu arrêtes ici et essayes de me comprendre
        Je peux vivre un peu plus et biensûr te surprendre!”

        (Federico, Florenz)

        Notre prof de français
        s’appelle Julie Bocquet
        Comme devoir cette grande dame
        nous à dit d’écrire un slam
        J’ai aucune idée, ça n’a pas de sens
        Mais ça ne fait rien, demain Julie part en vacances

        (Ich)

          Steinmetz und Grabsteine

          28 August 2010

          Nach der Besichtigung der bekannten Monumente und Stadtteile (vgl. die vorhergehenden Posts; gestern Nachmittag bestiegen wir zudem den Arc de Triomphe, das Marais mit Centre Pompidou und Hotel de Ville hatte ich bereits am Mittwoch gesehen) nehme ich mir heute vor, das Gebiet etwas genauer zu erkunden, in dem ich seit bald einer Woche wohne: den Montparnasse.

          Mit der Metro fahre ich zwei Stationen bis Montparnasse Bienvenüe, von wo aus es ein Katzensprung zum Musée Bourdelle ist  – vorausgesetzt, man nimmt die richtige sortie. (Dies gelingt mir zwar nicht auf Anhieb, doch immerhin schnuppere ich auf meinem mehrfachen Umweg etwas zusätzliche Quartierluft.) Antoine Bourdelle (1861-1929) war ein französischer Bildhauer, Maler und Kunstlehrer. Er ist zwar nicht so berühmt wie sein Lehrmeister und Freund Auguste Rodin, doch mit seinen monumentalen Werken und als Mentor Giacomettis und Maillols gebührt ihm dennoch ein wichtiger Platz in der französischen Kunstgeschichte. Wie viele Künstler fühlte sich Bourdelle gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom aufstrebenden Quartier Montparnasse angezogen und liess sich hier nieder. Das Museum ist um seine einstigen Studios und seinen Garten herumgebaut und beherbergt einen enormen Schatz von je rund 2′000 Gips- und Bronzefiguren. Freilich ist nur ein kleiner Bruchteil dieser Sammlung ausgestellt. Da der Künstler Claude Lévêque allerdings gerade eine Licht- und Toninstallation im unterirdrischen Reservoir des Museums eingerichtet hat, darf man unter Aufsicht eines Führers auch in diese Räumlichkeiten einen Blick werfen.

          Anstatt meine Leserschaft nun mit Ausführungen zu den einzelnen Werken zu langweilen, möchte ich an dieser Stelle die Bilder sprechen lassen:

          Auf den gut zweistündigen Besuch und ein kleines Mittagessen im Bahnhof Montparnasse hin, begebe ich mich zu Fuss zum nahegelegenen Cimetière Montparnasse. Auf einem Schild nahe dem Eingang sind die Berühmtheiten aufgelistet, die hier begraben liegen: Charles Baudelaire, Guy de Maupassant, Marguerite Duras, Samuel Beckett oder Serge Gainsbourg, um nur einige zu nennen.

          Nicht zu verfehlen ist das gemeinsame Grab von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir rechts der entrée principale. Nebst Blumen, Kerzen, Zettelchen und Steinchen haben ein paar Besucherinnen hier auch Kussspuren hinterlassen (vgl. Bild).
          Die Ruhestätten von Charles Baudelaire, Tristan Tzara, Ossip Zadkine und das reich geschmückte Grab von Serge Gainsbourg kann ich nach einigem Suchen auch ausfindig machen. Unauffindbar bleiben leider die Gräber von Man Ray, Constantin Brancusi, Guy de Maupassant und François Rude. Das mag einerseits an der Grösse des Friedhofs liegen, der trotz der Aufteilung in zahlreiche divisions ein Labyrinth bleibt, und am aushängenden Plan, der z.T. inexistente Wege anzeigt; andererseits auch an meinem unzureichenden Orientierungssinn und mangelnder Geduld. Wer hier die Gräber all seiner kulturellen HeldInnen besuchen möchte, muss schon mindestens einen vollen Nachmittag einplanen.

          Am Abend führt uns Marlene ins kleine Restaurant Le Jardin d’en face am Montmartre (ein Tipp eines Einheimischen, abseits der touristenüberströmten Strassen), wo wir auf den Geburtstag ihrer Freundin Claire aus Poitiers anstossen. Besonders die köstlichen Desserts – luftige weisse Mousse au Chocolat, himmlischer Schokoladenkuchen, wunderbares Apfelsorbet an Calvados – lassen uns schwören, beim nächsten Paris-Besuch hierher zurückzukehren.

          Die Grabplatte von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoire

          Das Grab von Serge Gainsbourg, reich verziert

          Surreale Wirkung: Der Tour de Montparnasse hinter der Friedhoflandschaft

          Weitere Eindrücke vom Cimetière Montparnasse gibt es auf dieser Homepage.

            Au Revoir Les Enfants

            26 August 2010

            Heute Donnerstag war der letzte Tag unserer Klasse mit der Lehrerin Julie. Morgen nehmen wir an einer Art Theater-Workshop teil, der von anderen professeurs geleitet wird, und am Wochenende fährt Julie für einen Monat in die Ferien. Besonders diejenigen unter uns, die wie ich am vergangenen Montag ihren Sprachaufenthalt begonnen haben, waren un peu triste über den Abschied: Kaum hatte man sich an den Unterrichtsstil der impulsiven, strengen, aber zugleich humorvollen Lehrerin gewöhnt, war der gemeinsame cours schon wieder zu Ende.

            Besonders geschätzt an Julies Unterricht habe ich die Tatsache, dass das Gespräch, die discussion im Vordergrund stand. Zu lernen, sich mündlich zu verständigen, ist für den Fremdsprachler das Allerwichtigste (leider ist es auch das, was im regulären Schulunterricht oft zu kurz kommt). In der kleinen Gruppe von zwölf Schülern kam man nicht umhin, sich mit Redebeiträgen zu beteiligen – ob bei der Bildbeschreibung, bei der Diskussion von sozialen Problemen, wo man für einen Lösungsansatz Partei ergreifen musste, oder in der Aufschlüsselung französischer Songtexte. Mit dem Vokabular und grammatischen Wissen, das man sich einst (vor langer, langer Zeit) angeeignet hatte, verständliche Sätze zu formulieren, war häufig eine Herausforderung, doch stets erhielt man Hilfestellung bzw. wurde man korrigiert und auf den richtigen Weg geführt.

            Natürlich kam bei alldem auch die Grammatik nicht zu kurz: Le subjonctif, les adverbes und le cause et la conséquence wurden kurz aber intensiv behandelt. Tipps wie die Stellung der Adverbien in Abhängigkeit ihrer Silbenzahl waren mir neu, aber erwiesen sich natürlich umso nützlicher.

            In der zweiten Hälfte der heutigen Lektion setzten wir uns mit einem Text des französischen Slammers Grand Corps Malade (bürgerlich Fabien Marsaud) auseinander. Der einst aufstrebende Basketballer musste seine Sportkarriere nach einem Unfall aufgeben, hat sich stattdessen aber als poète urbain einen Namen gemacht. Strophe für Strophe tasteten wir uns an sein kluges, persönliches Gedicht Rencontres (2006) heran, eine poetische Nachzeichung seines bisherigen Lebenswegs. Zeilen wie “Un peu plus tard sur mon chemin j’ai rencontré la tendresse / Ce qui reste de l’amour derrière les barrières que le temps dresse” oder “Un peu plus tard sur mon chemin j’ai rencontré la nostalgie / Le fiancée des bons souvenir qu’on éclaire à la bougie” stiessen in der Klasse auf grossen Anklang. (Die kompletten paroles sind hier zu finden, zur offiziellen Homepage des Künstlers geht’s hier entlang.) In der letzten Viertelstunde der Lektion mussten wir selbst einen vierzeiligen ‘Mini-Slam’ verfassen. Ich hoffe, einige der Texte hier in den nächsten Tagen nachreichen zu können.

            Am Nachmittag besuchte ich mit Natalie und Caroline das Schloss Versailles. Über diesen Ausflug werde ich in einem separaten Post berichten, sobald mir Carolines Fotos zur Verfügung stehen.

            Abschliessend ein weiterer Slam von Grand Corps Malade: Pères et Mères (2008)
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              Bonnard und Batobus

              24 August 2010

              Anstatt den Vormittag im Schulzimmer zu verbringen, macht sich unsere Klasse heute ins Musée d’Art moderne de la Ville de Paris im 16. Arrondissement auf. Wir besammeln uns vor der Schule, von wo aus wir die Metrolinie 9 zur Station Alma Marceaux nehmen. Vis-à-vis des Stationsausgangs befindet sich dort eine kleine Sehenswürdigkeit: Inmitten eines sternförmigen Podests steht auf einem Sockel ein originalgrosser Abguss der Flamme, welche aus der Fackel der Freiheitsstatue in New York steigt. (Berühmt ist der Ort allerdings noch aus einem anderen Grund: Die Skulptur befindet sich direkt über der Einfahrt des Tunnels, in welchem Lady Diana 1997 bei einem Autounfall ums Leben kam.)

              Der Eintritt in die ständige Sammlung des Museums, das den Ostflügel des 1937 erbauten Palais de Tokyo einnimmt, ist kostenlos. Die collections permanentes sind in 17 thematisch gegliederte Säle unterteilt: Fauvisme et cubisme zum Beispiel, Art décoratif oder Nouveaux Réalistes. Am Anfang unseres Rundgangs stehen jedoch zwei Säle, die hors parcours liegen: Der Salle Dufy und der Salle Matisse.

              In ersterem Raum, dem ehemaligen Ehrensaal des Museums, hängt nur ein einziges Bild von Raoul Dufy: La Fée Electricité von 1937. Mit den Abmessungen von 62.4 x 10 m ist es allerdings eines der grössten Gemälde der Welt, und füllt die ganze Wand des halbkreisförmigen Raums aus. Im Auftrag der städtischen Elektrizitätswerke entstanden, zeichnet es die Geschichte der Elektrizität von ihrer Erfindung und ersten Anwendung bis hin zur (damals) modernen Leuchtreklame nach. Was hier etwas bieder klingt, präsentiert sich tatsächlich als vielfarbiges, spannendes und beziehungsreiches Fresko, das nicht zuletzt aufgrund seiner schieren Grösse beeindruckt.

              Im Salle Matisse sind die grossformatigen Werke La Danse inachevée (1931) und La Danse de Paris (1931-33) zu sehen, die der Künstler für den amerikanischen Sammler Albert Barnes schuf. Erstmals trennte sich Matisse hier von der traditionellen Öl-auf-Leinwand-Technik und setzte seine Bilder aus grossen, zugeschnittenen und kolorierten Papieren zusammen.

              Gut zweieinhalb Stunden verbringen wir in der Ausstellung, diskutieren gemeinsam oder in kleinen Gruppen die Werke von Georges Rouault, Robert Delaunay, Bonnard oder Picasso. Dazu beantworten wir die Fragen auf dem Fragebogen unserer Lehrerin: „Comment qualifiez-vous les oeuvres du Fauvisme? Quelles sont les principales caractéristiques?“ Auch wenn sich die Kenntnisse (und zuweilen das Interesse) der Schüler in Grenzen halten, entstehen dennoch Gespräche vor Bildern, wie ich sie selbst auf deutsch nicht oft geführt habe. Ob Federico aus Florenz mir eine dadaistische Zeichnung erklärt, oder Natalie aus Vorarlberg zu einer breitschultrigen Matisse-Skulptur bemerkt, das Modell müsse bestimmt eine DDR-Frau gewesen sein: Die discussions vor den Werken machen allemal mehr Spass als die Trockenübungen im Schulzimmer.

              Aus den hohen Sphären der Kunst begebe ich mich am Nachmittag in die Niederungen des Tourismus: Gemeinsam mit Markus (Portugal), Marlene (Deutschland), Natalie und Caroline (beide Österreich) unternehme ich eine Bootsfahrt auf der Seine. An der Anlegestelle vor dem Eiffelturm besteigen wir den Batobus und lassen uns rund eineinhalb Stunden an den Sehenswürdigkeiten Paris‘ vorbeischippern. Tatsächlich ist erstaunlich, wie viele davon vom Fluss aus zu sehen sind! (Vgl. Plan) So verschaffe ich mir einen Überblick über einige der bâtiments, die es in den folgenden Tagen (von innen) zu besichtigen gilt: Unter anderem das Musée d‘Orsay, den Grand Palais und die Abtei Saint-Germain-des-Prés. Restez à l’écoute!


              Nachbildung der Freiheitsstatuen-Flamme an der Place de l’Alma

              Vor dem Musée de l’Art moderne de la Ville de Paris

              Das 16. Arrondissement

              Rummelmarkt-Atmosphäre in den Jardins du Trocadéro

              Der Fahrplan des Batobus

              Notre Dame, von der Seine aus gesehen

              Boote auf der Seine

              Zwei der zahlreichen Seine-Brücken

                Paris s‘éveille

                23 August 2010

                “Il est cinq heures, Paris s‘éveille”, heisst es im berühmten, gleichnamigen Chanson von Jacques Dutronc (1967). Nicht gerade um fünf Uhr früh, aber – noch immer früh genug – um kurz nach sechs quäle ich mich an diesem Montagmorgen aus dem Bett. Für 8.15 Uhr ist der Einstufungstest an der Sprachschule Accord am Boulevard Poissonière angesetzt. Ich will nicht zu spät kommen.

                Nach einer Dusche und einem reichhaltigen Frühstück (Brot und Baguette mit cremigem miel de fleurs und Erdbeerkonfitüre, dazu Tee, hinterher ein Stück tarte aux mirabelles) mache ich mich auf den Weg. Schneller als erwartet bringen mich die U-Bahn-Linien 13 und 8 zum Ziel; viel zu früh komme ich an der Station Bonne Nouvelle an, die direkt gegenüber der école liegt. Ich trete ins Schulgebäude, dessen Untergeschoss gerade renoviert wird, dessen gusseisernen Art-Nouveau-Treppengeländer und marmorverkleideten Wände aber trotz Plastikfolie und umstehenden Eimern beeindruckend wirken. Es warten bereits einige Gleichgesinnte vor den grossen verschlossenen Holztüren im zweiten Stock.

                Gegen acht Uhr mehrt sich die Zahl der Wartenden, und als wir in die Cafeteria gelassen werden, wo eine kurze Einführung und der schriftliche Teil des Einstufungstests stattfinden soll, sind alle Stühle innert Minuten besetzt.

                Die directrice der Schule begrüsst die Neuankömmlinge, es wird durchgezählt und überprüft, wer sich für welche Kurse eingetragen hat: Nebst den Basis-Kursen am Vormittag gibt es verschiedene “Vertiefungsateliers” am Nachmittag und, für “les étudiants les plus motivés”, zusätzliche Abendkurse.

                Dann werden die Prüfungsblätter verteilt. Der kurze Test, der im Wesentlichen aus Selbst- und Bildbeschreibung, einem längeren Text und dazugehörigen Verständnisfragen besteht, offenbart mir die nicht unerheblichen Lücken in meinen Französischkenntnissen. (Diese führe ich einerseits auf den suboptimalen Unterricht im Gymnasium zurück - j’accuse, Mme S.! -, muss aber zugleich gestehen, dass ich in den Jahren nach der Mittelschule wenig zur Optimierung der Situation beigetragen habe.) Immerhin verläuft der mündliche Teil des Tests, bei dem man zu einem tête-à-tête mit einer/m professeur gebeten wird, zufriedenstellend.

                Nach Abgabe der Prüfung folgt eine längere Pause; die Blätter werden umgehend in den Büros korrigiert und die Sprachschüler ihrem Niveau entsprechend in Gruppen eingeteilt. In der Cafeteria kommt man derweil ins Gespräch: An meinem Tisch sitzen Madeleine, 25, sympathische Geschichtsstudentin aus Wien; Tom, Mitte dreissig, promovierter Biochemiker aus Tschechien, der sich mit Französisch seine sechste Fremdsprache aneignet, und Haruki aus Japan, der den Aufenhalt von seinem Arbeitgeber, einer Tokyoter Elektrizitätsfirma bezahlt kriegt. Just als wir uns alle vorgestellt haben, meint eine Deutsche am Nachbartisch zu ihrer Freundin: “Hach, Menschen von überall her finden hier in der schönsten aller Städte zusammen, um die schönste aller Sprachen zu lernen!” Das klingt freilich ziemlich albern, erscheint mir in dem Moment aber sehr treffend.

                Als ich später, nach einer ersten Lektion und einem kleinen déjeuner, mit Marlene (Ingolstadt) und Giorgiana (Rom) die Champs-Élysées entlangflaniere, radebrechen wir tatsächlich en français, was das Zeugs hält. Dass wir am Ende des Spaziergangs und auf der Suche nach WiFi-Internet im unfranzösischsten aller Pariser Cafés, im Starbucks landen, sei uns an dieser Stelle als Anfängerfehler verziehen. Ainsi, c’était le premier jour.


                PS: Zum Abschluss dieses Eintrages ein paar Impressionen meines Spaziergangs am Sonntag durch das 8. Arrondissement und die Tuileries:

                Die Magdalenenkirche

                Der Blick von der Place de la Madeleine zur Place de la Concorde

                Attraktion in den Tuileries: eine Gummiband-Looping-Schaukel

                Gut besucht: Das Grand Bassin in den Tuileries

                Der Louvre

                Blick vom Louvre in Richtung Tuileries (mit Triumphbogen und Eiffelturm)